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Paulus

Die Kirche erkennt Paulus als wahren Apostel Jesu Christi an. Kein anderer frühzeitlicher Apostel hat nachfolgende Gläubige durch sein persönliches Beispiel sowie durch seine Schriften so beeinflusst wie Paulus. Der frühe christlichen Apostel der Andersgläubigen, an die er sich in seinen Briefen im Neuen Testament richtet, sind eine reiche Quelle für die christliche Lehre . Sie haben die modernen christlichen Konfessionen maßgeblich beeinflusst.. Ohne Paulus würde die Lehre, dass der Glaube an Christus allein genügt (Sola fide),  in der Bibel größtenteils fehlen. In der Kirche wäre beträchtlich weniger über Gnade, das Abendmahl des Herrn, den Aufbau der Kirche, den Abfall vom Glauben, oder die Bedeutung der Gaben des Geistes bekannt.

BIOGRAFISCHER ABRISS. Details aus dem Leben von Paulus findet man in seinen Briefen und in dem Buch Apostelgeschichte. Paulus, der in Tarsus von Kilikien (im heutigen Südosten der Türkei) geboren wurde, war multikulturell. Als Jude war er als Saulus bekannt. In Jerusalem wurde er als Pharisäer unter dem berühmten Rabbi Gamaliel ausgebildet. Außerdem war er ein gebürtiger römischer Bürger, was zu dieser Zeit ein seltenes Vorrecht für einen Juden war. Schließlich war er noch mit der griechischen Sprache und Kulur vertraut, da er in der hellenistischen Stadt Tarsus aufgewachsen war. So konnte er sich  mit Juden, Römern und Griechen in ihrem eigenen kulturellen Bereich verständigen. Dies war ein großer Vorteil für seine spätere Missionsarbeit.

Als Pharisäer arbeitete Saulus für den jüdischen Hohenpriester. Saulus war ein früher und eifriger Verfolger der Christen und stimmte der Hinrichtung von Stephanus zu (Apostelgeschichte 7:58-8:3). Als Saulus aber nach Damaskus reiste, um dort Christen gefangen zu nehmen, erschien ihm der auferstandene Christus in einer Vision. Infolge dieses Erlebnisses widmete sich Paulus ganz und gar der Sache Christi und verbrachte den Rest seines Lebens damit ihm zu dienen.

Nach seiner Taufe „zog [Saulus] nach Arabien und kehrte dann wieder nach Damaskus zurück“ (Galater 1:17). Sein Predigen von Christus war so wirkungsvoll, dass er unter den juden großen Widerstand hervorrief und schließlich fliehen musste, um sein Leben zu retten. Als er nach drei Jahren nach Jerusalem zurückkehrte, traf er sich kurz mit Petrus und Jakobus, dem Bruder des Herrn. Dann ging er nach Kilikien und Syrien, wo er für ungefähr das nächste Jahrzehnt lang das Evangelium predigte.

Barnabas brachte Saulus nach Antiochia, von wo sie ihre erste Missionsreise begannen. Auf dieser Reise begann Saulus seinen römischen Namen Paulus zu verwenden und erstellte eine  wesentliche Planung seiner Missionsarbeit. Immer wenn er in eine Stadt kam, ging er zuerst zu den Juden und predigte in ihren Synagogen von Christus. Gewöhnlich lehnten sie seine Botschaft ab, aber die Nichtjuden ließen sich oftmals bekehren. Paulus widmete seine Aufmerksamkeit dann den Nichtjuden dieser Stadt. Er belehrte sie und errichtete einen Zweig der Kirche, der aus Nichtjuden und wahrscheinlich wenigen jüdischen Bekehrten bestand.

In der Apostelgeschichte werden zwei weitere Missionsreisen beschrieben, die jeweils länger als drei Jahre dauerten. Paulus war erfolgreich im Lehren des Evangeliums und im Aufbau von Kirchen in einem Großteil der heutigen Türkei und dem heutigen Griechenland. Nach der Rückkehr von seiner dritten Missionsreise traf Paulus mit seiner Anwesenheit im Tempel auf einen solch starken jüdischen Widerstand, dass er von den Römern in Gewahrsam genommen wurde. In Cäsarea verbracte  er zwei Jahre lang im Gefängnis, bevor er für einen Gerichtsprozess nach Rom geschickt wurde. Obwohl er unterwegs Schiffsbruch erlitt, wurde er schließlich in Rom gefangen genommen und um 64 n. Chr. zur Regierungszeit des Kaisers Nero hingerichtet.

Der Prophet Joseph Smith beschrieb Paulus als einen etwa 1,50 m großen, dunkelhaarigen, machtvollen Redner mit durchdringendem Blick (LPJS, S. 180; WJS, S. 59). Er deutete auch an, dass Paulus mit Enoch bekannt war (LPJS, S. 170) und dass Abel „vom Himmel zu Paulus herabgesandt wurde, um Worte des Trostes zu überbringen und um ihm Kenntnis von den Geheimnissen der Göttlichkeit anzuvertrauen (LPJS, S. 169).

DIE LEHREN VON PAULUS. Einer der größten Beiträge von Paulus zum Neuen Testament ist seine kraftvolle Aussage (d.h. von Schuld freigesprochen) über die Macht des Glaubens an Jesus Christus (vgl. Galater 2-3; Römer 2-5). Paulus hatte seine nichtjüdischen Bekehrten frühzeitig gelehrt, dass sie nicht nach dem Gesetz des Mose leben mussten, um vor Gott gerechtfertigt zu sein. Dazu reichte es aus das Bündnis des Evangeliums bzw. das Bündnis des Glaubens einzugehen und zu halten, wohingegen die äußerliche Einhaltung des Getsetzes des Mose nicht notwendig war (Galater 2:16). Insbesondere nach dem Sühnopfer Christi war es nicht länger notwendig das frühere Gesetz und den Bund des Mose einzuhalten, welche mit dem Gesetz und Bund des Evangeliums für veraltet erklärt wurde (vgl. Hebräer 8:6-13; 3 Nephi 9:17-20). Somit mussten die nichtjüdischen Bekehrten von Paulus nicht Juden werden, um Christen zu werden (vgl. Apostelgeschichte 15:5-29), da „der Mensch gerecht wird durch Glauben, unabhängig von Werken des Gesetzes“ (Römer 3:28). Eine vollständige Verpflichtung gegenüber dem Evangelium Jesu Christi, dem Bündnis des Glaubens, erfüllt automatisch alle vorherigen Pflichten gegenüber Gott. Dazu gehören auch die Pflichten des Gesetzes des Mose.

Paulus lehrte auch die damit verbundene Lehre der Erlösung durch Gnade. Paulus sagte, dass die Gnade Gottes durch die Erlösung zum Ausdruck kommt. Heilige der Letzten Tage kennen davon mindestens vier Beispiele. Erstens sind Adams Nachkommen durch das freie Geschenk des Sühnopfers Christi nicht für Adams Übertretung verantwortlich (Römer 5:18-21). Zweitens folgt der Tod als natürliche Konsequenz der Übertretung Adams. Er wird durch die Gabe der Auferstehung, die allen Menschen voller Gnade gegeben wird, überwunden (1 Korinther 15:21-22). Drittens bot Gott einen neuen Bund des Glaubens anstelle von alten Regeln für Durchführungen und Verordnungen an, gemäß denen die Menschen damals nicht perfekt leben konnten. Diese Tatsache ist in sich selbst ein Gnadenakt. Viertens ist das freiwillige Leiden und Sterben des Erretters für andere der größte Ausdruck der Gnade Gottes. Auf diese Weise kann die Menschheit nur durch die gütigen Taten und Gaben Gottes Erlösung erlangen. Dazu sagte Paulus: „Durch ihn haben wir auch den Zugang zu der Gnade erhalten, in der wir stehen, und rühmen uns unserer Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes“ (Römer 5:2). Gemäß der Glaubensslehre von Paulus lassen die Lehren der Erlösung durch Gnade und durch Glauben allein dennoch nicht die absolute Notwendigkeit hoher, persönlicher Verhaltensmaßstäbe  unter den Tisch fallen, sondern setzen diese vorraus (1 Korinther 6:9-11; Galater 5:19-21).

Paulus lehrte auch, dass Gottes Wissen unbegrenzt ist und dass der Plan Gottes alle zukünftigen Ereignisse vorraussah und nicht vereitelt werden kann. Gott hat das Ende von Anfang an vor Augen. Er hat bereits den Erbteil für diejenigen bestimmt, die sich entscheiden seinen Willen zu tun (Epheser 1:4-14). Obwohl die King James Version der Bibel das problematische Wort „vorherbestimmt“ (Griechisch, proorizo) verwendet, verstehen Heilige der Letzten Tage darunter nicht, dass Gott bereits entschieden hat, dass einige errettet und andere verdammt werden. Heilige der Letzten Tage bevorzugen vorherordiniert gegenüber „vorherbestimmt“.. Sie behaupten, dass das Vorwissen Gottes die Entscheidungsfreiheit der Menschen nicht verletzt.

Nicht alle, oder möglicherweise nicht einmal die meisten von Paulus Briefen sind erhalten geblieben. Heilige der Letzten Tage glauben, dass eine vollständigere Sammlung von Paulus Briefen eine sehr ähnliche Glaubenslehre wie die des wiederhergestellten Evangeliums in den letzten Tagen wiedergespiegelt hätte. Sie stützen sich dabei auf die häufige Bezugnahme von Paulus auf die Lehren, die heute für Heilige der Letzten Tage von besonderer Bedeutung sind. Dazu gehören beispielsweise die Taufe für Verstorbene (1 Korinther 15:29), die drei Grade der Herrlichkeit (1 Korinther 15:39-41; 2 Korinther 12:2), das vorirdische Leben (Epheser 1:4) und der Bedarf einer kirchlichen Organisation mit Aposteln und Propheten (Epheser 2:19-20; 4:11-13). Heilige der Letzten Tage nehmen an, dass Paulus in seinen noch vorhandenen Schriften bei diesen Themen nicht weiter ins Detail ging, weil sie für Menschen geschrieben wurden, die diese Dinge schon wussten.

Paulus ist eine Hauptquelle für Prophezeiungen vom Glaubensabfall der frühen christlichen Kirche. Er wird in Apostelgeschichte 20:29-30 zitiert, wo er die Ältesten aus Ephesus und Miletus davor warnt, dass reißende Wölfe nach seinem Weggang über sie herfallen „und die Herde nicht schonen“ würden. Außerdem würden entfremdete Mitglieder die Kirche von innen zerreißen. Er warnte die Thessalonicher davor das Kommen Christi zu erwarten, bevor der Abfall von Gott stattgefunden hat (2 Thessalonicher 2:2-3). Besonders erinnerte er beide Gruppen daran, dass diese Warnung von Anfang an Teil seines Predigens gewesen sei (2 Thessalonicher 2:5; Apostelgeschichte 20:31).

Heilige der Letzten Tage sehen Paulus nicht als Gegner von Frauen, Sex, oder Ehe. Vielmehr macht er über das Prinzip der Ehe die Aussage, dass „jeder [Mann] seine eigene Frau haben [soll], und jede Frau  ihren eigenen Mann haben“ (1 Korinther 7:2; vgl. Hebräer 13:4). Paulus fährt damit fort besondere Umstände anzusprechen (1 Korither 7:8-16) und ermahnt alle Menschen sich zunächst um die Dinge Gottes zu sorgen. Sein Rat bezüglich bestimmter Umstände sollte jedoch nicht mit seiner allgemeinen Lehre verwechselt werden. Ehemänner sollen ihre Frauen lieben und umgekehrt (Epheser 5:28), denn „im Herrn gibt es weder die Frau ohne den Mann noch den Mann ohne die Frau“ (1 Korinther 11:11). Offensichtlich wurden Frauen in den Gemeinden des Paulus als wertvolle Mitarbeiterinnen betrachtet und besetzten verantwortungsvolle Positionen (vgl. Römer 16:1-4).

Der Einfluss, den Paulus auf Joseph Smith und die Heiligen der Letzten Tage hat, wird an vielen Stellen ersichtlich. Joseph Smith bezog sich auf „die Ermahnung des Paulus“ (vgl. Philiper 4:8) als er das moralisch höchste Bestreben Heiliger der Letzten Tage beschrieb (A von F 13). Die Sprache von Paulus lässt sich in den meisten Glaubensartikeln erkennen (z.B., in A von F 4 über die ersten Evangeliumsprinzipien [vgl. Hebräer 6:1-2]; in A von F 5 über Ordinierung zum Priestertum [vgl. Timotheus 4:14]; in A von F 6 über die Beamten der Urkirche [vgl. Epheser 4:11]; und in A von F 7 über die Gaben des Geistes [vgl. 1 Korinther 12:8-12]). Teile der erhabenen Hymne über die Nächstenliebe (1. Korinther 13:4-8) lassen sich ebenfalls im Buch Mormon wiederfinden (Moroni 7:45-46). Diese gelten als Hinweise darauf, dass Jesus die ultimative Quelle all dieser Lehren war.

Der Prophet Joseph Smith machte über das Leben des Paulus folgende Bemerkung:

Wenn ihr die Arbeiten dieses Apostels von der Zeit seiner Bekehrung bis zur Zeit seines Todes verfolgt, werdet ihr ein angemessenes Beispiel an Eifer und Geduld im Verkünden des Evangeliums Christi sehen. Verhöhnt, ausgepeitscht und gesteinigt verkündete er dennoch so eifrig wie zuvor das Evangelium des Erretters als er gerade seinen Verfolgern entkommen war.... Paulus setzte seine Hoffnung in Christus, weil er den Glauben bewahrt hatte. Paulus liebte die Tatsache, dass Christus, ihm erschienen war, aus dessen Mund er die Verheißung erhalten hatte, dass er eine Krone der Rechtschaffenheit empfangen würde [LPJS, S. 63-64].

[Siehe auch Joseph Smith Bibelübersetzung (JSÜ); Neues Testament.]

BIBLIOGRAPHIE

Anderson, Richard Lloyd. Understanding Paul. Salt Lake City, 1983.

McConkie, Bruce R. Doctrinal New Testament Commentary, Vols. 2-3. Salt Lake City, 1970-1973.

Sperry, Sidney B. Paul’s Life and Letters. Salt Lake City, 1955.

J. PHILIP SCHAELLING