Home

KRIEG UND FRIEDEN

Die Vorstellungen der Heiligen der Letzten Tage von Krieg und Frieden sind vielschichtig. Sie vereinigen eine Anzahl grundlegender Werte. Dazu gehören Ideale wie Frieden in Christus zu finden (Joh. 14:27), die andere Wange hinzuhalten und seine Feinde zu lieben (Matt. 5:39, 44), seinen Feinden wiederholt zu vergeben (LuB 64:10; 98:23-27, 39-43), und dem Krieg zu entsagen und Frieden zu verkünden (LuB 98:16). Weitere Ziele bestehen darin eine vollkommene Gemeinschaft rechtschaffener und in Eintracht lebender Heiliger zu errichten (siehe Zion) und die tausendjährige Friedensherrschaft Jesu Christi zu begrüßen. Desweiteren schließen diese Werte eine grundlegende Abneigung gegen jeglichen Gebrauch von Zwang und Gewalt ein, der die persönliche Entscheidungsfreiheit aberkennt (LuB 121:41-44). Sie beinhalten die Erkenntnis, dass Satan Krieg im vorherirdischen Dasein benutzte (siehe Krieg im Himmel) und noch immer auf der Erde durch Gewalt regiert (Mose 6:15) Außerdem, dass es angemessen und manchmal notwendig ist zu den Waffen zu greifen, um Familie, Religion und Freiheit zu verteidigen (Alma 43:45-47; 46:12). Weitere Werte bestehen in der ethischen und gesetzlichen Unterscheidung zwischen vorsätzlichem Mord und dem Töten von gegnerischen Soldaten in Kriegszeiten. Alle Bürger haben die Pflicht die Gesetze ihres Landes anzuerkennen und zu befolgen (siehe zivile Pflichten) und Gott zu vertrauen, dass alle politischen Führer für ihre Amtsführung zur Rechenschaft gezogen werden (LuB 134:1). Zum Schluss ist die Rolle der Vereinigten Staaten von Amerika zu erwähnen. Die USA sind eine Nation mit göttlicher Vorsehung und der Mission internationalen Frieden und die Freiheit des Einzelnen auf dieser Erde zu gewährleisten. Selbst unter starkem Druck und Leiden, welche durch verschiedene Umstände auftreten können, muss eine Person persönlichen Glauben, Hoffnung, Nächstenliebe und Offenbarungen haben, um diese Grundsätze in Rechtschaffenheit anzuwenden.

Verschiedene Länder haben unterschiedliche Interessen und verlassen sich deshalb mehr oder weniger auf den Gebrauch von Gewalt. Zum Beispiel hängt das Überleben einer Gruppe, die eine radikal pazifistische Position einnimmt, von dem Verhalten Anderer ab. Im Buch Mormon gewährleisteten die Nephiten und die Söhne der Lamaniten, die keinen pazifistischen Eid geschworen hatten, das Überleben der bekehrten Lamaniten, die gelobt hatten niemals wieder Blut zu vergießen (Alma 27:24; 56.5-9).

Krieg hat einen rechtlichen Status im internationalen Völkerrecht: „Krieg ist eine anerkannte Tatsache und hinsichtlich vieler Punkte reguliert. Er ist aber nicht durch das Völkerrecht festgelegt (L. Oppenheim, International Law, London, 1952, S. 202 ). In der Ausübung ihrer Souveränität können Staaten die Initiierung und Durchführung von Krieg begrenzen. Doch das derzeitige politische System der Selbsthilfe gewährt das Recht auf Kriegsführung, wie es Sicherheit, lebenswichtige Interessen, oder Gerechtigkeitssinn vorschreiben. Mit der Zeit können sich friedliche Gegebenheiten entwickeln, doch so lange getrennte, unabhängige Staaten existieren, besteht die Wahrscheinlichkeit bewaffneter Auseinandersetzungen. In jedem unabhängigen Staat, in dem Heilige der Letzten Tage leben, sind diese verpflichtet „Königen, Präsidenten, Herrschern und Obrigkeiten untertan zu sein und dem Gesetz zu gehorchen, es zu achten und für es einzutreten“ (Glaubensartikel 12).

Lehren des Buches Mormon und der Lehre und Bündnisse. Die Rechtfertigung des defensiven Kriegs, die im Buch Mormon und in heutigen Offenbarungen zu finden ist, bestimmt zum größten Teil die Antwort der Heiligen der Letzten Tage auf die politischen Gegebenheiten des Krieges. Die Hauptaussagen stammen aus den Berichten von Moroni 1 (ein nephitischer Befehlshaber, 72-56 v.Chr.), von dem Propheten Mormon (letzter Befehlshaber der nephitischen Heere, 326-385 n.Chr.) und von der Führung, die der Kirche im Jahr 1833 gegeben wurde, als die Verfolgungen in Missouri anwuchsen (siehe LuB 98).

Hauptmann Moroni erhob ein Banner, auf dem er die hauptsächlichen nephitischen Kriegsgründe verkündete: die Verteidigung „unseres Gottes, unserer Religion und Freiheit und unseres Friedens, unserer Frauen und unserer Kinder“ (Alma 46:12). Defensive Begriffe beschreiben hier eine gerechtfertigte Kriegsführung. Moroni bildete einen vorwärts gerichteten, defensiven Sicherheitsbereich, errichtete schützende Befestigungen für einige Städte und setzte seine Hauptheere als mobile Streitkräfte ein, um eroberte Städte zurückzugewinnen. Er verfolgte das Ziel, dass sie für den Herrn, ihren Gott, lebten (Alma 48:10) und Krieg nicht als ein Werkzeug zur Ausdehnung territorialer und politischer Kontrolle benutzten (Morm. 4:4-5). Er lehrte die Nephiten sich selbst zu verteidigen, aber „niemals Anstoß zu geben, ja, und niemals das Schwert zu heben, außer gegen einen Feind, außer um ihr Leben zu bewahren.Und dies war ihr Glaube, daß Gott, wenn sie dies täten, es ihnen wohl ergehen lassen werde im Land“ (Alma 48:14-15). Bevor sie in den Krieg zogen, suchten sie die Führung der Propheten (Alma 16:5; 43:23; 3 Ne. 3:19-20). Moroni „frohlockte“ in dieser Einstellung—„nicht im Blutvergießen, sondern darin, Gutes zu tun, sein Volk zu bewahren, ja, die Gebote Gottes zu halten“ (Alma 48:16). Selbst während des Krieges waren Verhaltensweisen wie wahlloser Totschlag, Plünderungen und Vergeltungsmaßnahmen verboten (siehe CWHN 8:328-79).

Vier Jahrhunderte später, als die nephitischen Streitkräfte „anfingen, mit ihrer eigenen Stärke zu prahlen, und anfingen, vor den Himmeln zu schwören, sie würden das Blut ihrer Brüder rächen, die von ihren Feinden getötet worden waren“ (Morm. 3:9), tratt Mormon, ihr Anführer, von seiner Befehlsgewalt zurück. Rache gehörte einzig dem Herrn (Morm. 3:15). Mormons Pflichtbewusstsein veranlasste ihn jedoch wieder dazu die Heere anzuführen. Er wusste jedoch, dass die Aggressionen und die blutrünstigen Vergeltungsschläge der Nephiten von einer tieferen Verdorbenheit herrührten, die letztlich ihren Untergang besiegelte. Als sein Volk in barbarische Handlugsweisen wie Folter, Vergewaltigung und Versklavung abdriftete, beklagte Mormon die Verdorbenheit seines Volkes: „Sie sind ohne Ordnung und ohne Barmherzigkeit“ (Moro. 9:18); und sie wurden vernichtet (siehe Buch Mormon, Geschichte der Kriegsführung im).

Selbst wenn man aus Selbstverteidigung zum Schwert greift ist es eine furchtsame Entscheidung. Sie sollte nur gefasst werden, wenn Gott es gebietet (LuB 98:33) und nachdem ein „Friedensbanner“ dreimal angeboten wurde (98:34-38). Denjenigen, die ihre Feinde im Namen Gottes warnen, die geduldig drei Angriffe auf sich selbst und ihre Familien ertragen und die wiederholt ihren Feinden vergeben, verheißt der Herr großen Lohn (98:23-27; 39-43). Wenn ein Feind „zum viertenmal gegen dich fehlt, ... ist dein Feind in deinen Händen, und wenn du ihm gemäß seinen Werken vergiltst, bist du gerechtfertigt“; doch wenn Vergebung noch einmal gewährt wird, „werde ich, der Herr, dich an deinem Feind hundertfach rächen“ (98:31, 44-45). Demzufolge war die Haltung der Kirche in den Missouri Verfolgungen (siehe Missouri Konflikt) und in Nauvoo, zur Zeit von Joseph und Hyrum Smiths Märtyrertod im Jahr 1844, sehr defensiv. Gleichermaßen wurde die militärische Bedrohung der Utah Expedition im Jahr 1857 ohne Blutvergießen entschärft.

Historische Perspektiven. In verschiedener Hinsicht entsprach die Reaktion der Heiligen der Letzten Tage auf nachfolgende historische Gegebenheiten der Erfahrung der Christenheit im Allgemeinen. So lange sich die frühen Christen keiner Regierung verantworten mussten, waren sie nur verpflichtet „den Herrschern und Machthabern zu gehorchen, immer bereit [zu] sein, Gutes zu tun“ (Titus 3:1), dem Kaiser [zu geben], was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört“ (Matt. 22:21). Paulus sah den wirklichen Kampf als einen mit bösen geistigen Mächten (Eph. 6.12). Als es der frühen Christenheit bewusst wurde, dass das Zweite Kommen Jesu nicht unmittelbar bevorstand und dass das Römische Reich christlich geworden war, wurde die Verantwortung für politische Ordnung eine christliche Pflicht. Es entwickelte sich eine Kriegstheorie, die in der Lehre „einfach Krieg“ gipfelte und von Theologen wie Thomas von Aquin formuliert wurde.

Gleichermaßen richtete der milleniale Enthusiasmus die Aufmerksamkeit der Heiligen der Letzten Tage anfangs mehr auf die Sammlung Israels als auf eine Verständigung mit der Welt. Ein frühes und andauerndes Thema der Heiligen der Letzten Tage bestand darin, dass die Stunde des Weltendes näher kam. Mit dem Untergang „Babylons“ würden heftige Konflikte und der Zorn Gottes kommen (LuB 63:32-33). Blutige Kriege würden im Inland und Ausland auftreten (LuB 38:29). Die Offenbarung über den Bürgerkrieg aus dem Jahr 1832 sagte anwachsenden Aufruhr bis zum „völligen Ende aller Nationen“ (LuB 87:6) voraus. In dieser Hinsicht ist Krieg der Vorbote des apokalyptischen Endes der Welt. Die Kirche erhebt die Stimme der Warnung „zum letzten Mal“ und sammelt die Gläubigen, um „an heiligen Stätten [zu stehen] und nicht [zu wanken], bis der Tag des Herrn kommt“ (LuB 88:74-88; 87:8).

Angeregt durch diese Vision riet Präsident Brigham Young den Heiligen „nach Zion zu fliehen ... damit sie in Frieden wohnen könnten“ (MFP 2:107). Wenig Hoffnung bestand für die Besserung der weltlichen Gesellschaft. Diese Tendenz zum Rückzug wurde jedoch durch die Ansicht der Heiligen der Letzten Tage, dass göttliche Inspiration die Verfassung der Vereinigten Staaten untermauert und durch die Tatsache, dass die Kirche unvermeidlich in nationale Politik verwickelt wurde, ausgeglichen (siehe Vereinigte Staaten von Amerika; Kirche und Staat). Der Versuch Zion aufzubauen hatte die Feindschaft vieler Politiker zur Folge. Dennoch nahmen Kirchenführer eine aktive Rolle in nationalen Angelegenheiten ein. Sie unterstützten den Mexikanischen Krieg (siehe Mormonenbattalion), antworteten sofort auf die Anfrage Präsident Lincolns, die Post- und Telegraphenroute östlich von Fort Bridger während des Bürgerkriegs (1862) zu beschützen und stellten ihre Loyalität im Spanisch-Amerikanischen Krieg (1898) unter Beweis. Nach dem Manifest aus dem Jahr 1890 verringerte sich die Spaltung zwischen der Kirche und dem größeren Teil der Gesellschaft und führte zu einem Ausgleich mit der bestehenden politischen Ordnung.

Der Erste und Zweite Weltkrieg veranlasste die Kirche über die religiösen Plichten von Bürgern kriegsführender Nationen zu sprechen. Dabei sah sich die Kirche der Problematik gegenübergestellt, die Verurteilung von Krieg mit Aussagen über zivile Pflichten und die relativ gerechtfertigten Gründe und Verhaltensweisen gewisser Kriegsteilnehmer in Ausgleich zu bringen. Im Jahr 1939 erklärte die Erste Präsidentschaft, dass das Gebot „Du sollst nicht töten“ (Ex. 20:13) sowohl auf einzelne Personen als auch auf politische Instanzen zutrifft und verurteilte den Kriegsgedanken als ein Instrument der Staatspolitik (MFP 6:88-93). In den Jahren 1940 und 1942 warnte die Erste Präsidentschaft vor den selbstgerechten Rechtfertigungen der Kriegsführer, die Völkermord und Massenvernichtung verhüllten und Distanz zwischen die Kirche und den Staat brachten: „Die Kirche übernimmt keine Verantwortung für diese Politik, da sie nicht mehr tun kann als ihre Mitglieder dazu aufzurufen, ihre Loyalität ihrem Land und freien Institutionen zu geben, was der erhabendste Patriotismus fordert (MFP 6:156). Die Soldaten sind „die unschuldigen Instrumente des Krieges“, die nicht für ihre gesetzmäßige Kriegsteilnahme verantwortlich gemacht werden können (MFP 6:159). Hinweise auf „freie Institutionen“ und die Feststellung, dass „beide Seiten nicht ganz Recht haben können; vielleicht ist keiner ohne Unrecht“ (MFP 6:159) betonen zur gleichen Zeit, dass die Teilnahme am Krieg nach anderen Maßstäben beurteilt wird, nämlich nach gerechten Gründen und gerechtem Verhalten.

Die Bedenken des Buches Mormon für gerechten Krieg widerhallend, warnte die Erste Präsidentschaft einen legitimen Selbstverteidigungksrieg nicht in eine blutige Suche nach Rache oder das Töten von unschuldigen Zivilisten umzuformen. Präsident J.Reuben Clark, Jr. erklärte, dass „eine Nation nur gerechtfertigt ist einen Selbstverteidigungskrieg zu führen, wenn alle anderen Alternativen ausgeschöpft sind“ (Firmage und Blakesley, S. 314). Präsident Joseph F. Smith bezeichnete die Verruchtheit der einzelnen Staatensysteme als Ursprung von Weltkrieg: „Ich nehme an, dass es heutzutage keine Nation in der Welt gibt, die durch dieses Übel nicht mehr oder weniger verdorben ist. Vielleicht ist es sogar möglich, die Ursache, oder zumindest den größten Teil, von Schlechtigkeit auf eine bestimmte Nation zurückzuführen; aber ich weiss es nicht“ (MFP 5:71). Zur gleichen Zeit versicherte er auch, „dass Gottes Hand danach strebt zusammen mit gewissen Nationen der Welt die Freiheit des Menschen, die Freiheit Gott zu verehren wie es das Gewissen gebietet und das unveräußerliche Recht nationale Regierungen auf der Erde zu organisieren, zu bewahren und zu beschützen“ (MFP 5:71). Demzufolge unterstützte die Kirche Krieg, um „die Welt von der Herrschaft monarchischen Despotismuses zu befreien“ (MFP 5:71).

Einige Leute benutzten die globale Bedrohung des Nazismuss, Faschismus und Kommunismus, um Krieg über eine Reaktion auf die direkte Bedrohung des amerikanischen Gebietes oder deren politische Unabhängigkeit hinaus zu rechtfertigen. Andere Leute, wie J. Reuben Clark in den 1940er Jahren, fuhren jedoch damit fort sich für neutrale, unbewaffnete Vereinigte Staaten einzusetzen: „In internationalen Beziehungen ist moralische Gewalst viel stärker als physische Gewalt. Ich glaube, dass Amerika sich wieder der Förderung eines friedlichen Ausgleiches internationaler Konflikte zuwenden sollte“ (zitiert in Firmage und Blakesley, S. 298).

Seit dem Zweiten Weltkrieg hat die Haltung der Kirche Richtlinien für gerechte Gründe und gerechtes Verhalten im Krieg gegeben. Durch diese kann die Teilnahme an bestimmten Konflikten abgeschätzt werden, ohne von der bürgerlichen Pflicht oder der generellen Verurteilung von Krieg abzuweichen. Diese Einstellungen kommen dem interkulturellen und millenialen Streben einer weltweiten Kirche entgegen. Außerdem befriedigen sie die Anforderungen, die Bürgern einer Welt mit konkurrierenden Staaten, deren endgültiger Untergang unvermeidlich ist, auferlegt werden.

[Siehe auch Militär und die Kirche.]

BIBLIOGRAPHIE

Berrett, William E. “The Book of Mormon Speaks on War.” In A Book of Mormon Treasury, pp. 275-84. Salt Lake City, 1959.

Blais, Pierre. “The Enduring Paradox: Mormon Attitudes toward War and Peace.” Dialogue 17 (Winter 1984): 61-73.

Firmage, Edwin Brown. “Violence and the Gospel: The Teachings of the Old Testament, the New Testament, and the Book of Mormon.” BYU Studies 25 (Winter 1985): 31-53.

Firmage, Edwin Brown, and Christopher L. Blakesley. “Clark, Law and International Order.” BYU Studies 13 (Spring 1973): 273-346.

Garrett, H. Dean. “The Book of Mormon on War.” In A Symposium on the Book of Mormon, pp. 47-53. Salt Lake City, 1986.

Oaks, Dallin H. “World Peace.” Ensign 20 (May 1990): 71-73.

Packer, Boyd K. “The Member and the Military.” IE 71 (June 1968): 58, 60-61.

Roy, Denny; Grant P. Skabelund; and Ray C. Hillam, eds. A Time to Kill: Reflections on War. Salt Lake City, 1990.

Walker, Ronald W. “Sheaves, Bucklers, and the State: Mormon Leaders Respond to the Dilemmas of War.” Sunstone 7 (July-Aug. 1982): 43-56.

ROBERT S. WOOD