Home

Bedeutung der Geschichte für
die Heiligen der Letzten Tage

Die Geschichte spielt in der Kirche Jesu Christi eine bedeutende Rolle, da sie zusammen mit der Theologie und der praktischen Religion viele Fragen des Lebens zu beantworten vermag und dem Leben Sinn, Zweck und Bedeutung verleiht. Gott wird als Wesen gesehen, das durch geschichtsbildende Geschehnisse seine Absichten verfolgt, wobei dem Menschen die Wahl gelassen wird, sich durch seine Handlungen für oder gegen Gott zu entscheiden.

Obwohl die Kirche Jesu Christi keine offizielle Geschichtsphilosophie vertritt, gibt es dennoch mehrere theologische Grundlagen, von denen das Geschichtsverständnis der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage geprägt ist:

1. Das Wesen des Menschen. Als buchstäbliche Kinder Gottes haben die Menschen Anteil an göttlichen Eigenschaften und Absichten. Sie können wie Gott werden. Andererseits ist die Menschheit aber auch “gefallen”, “fleischlich, sinnlich und teuflisch” (Mose 5:13) und besitzt die Fähigkeit, ebenso abgrundtief schlecht wie der Teufel zu sein. Aus diesem Grund interessieren sich die Heiligen der Letzten Tage für die Breite des Spektrums menschlicher Gedanken, Worte und Taten.

2. Das Leben auf dieser Welt ist etwas ausgesprochen Positives. Die Lehre der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage sieht das Leben des Menschen als unendliches Gewebe, das sich in Form einer bewußten, vorirdischen Existenz auf die Möglichkeit eines ewigen Lebens in der Gegenwart Gottes hoffend durch die Ewigkeit erstreckt. Bereits früher getroffene Entscheidungen und die Absichten Gottes waren die Voraussetzung für unser Leben hier auf der Erde, und die Entscheidungen, die wir in diesem Leben treffen, bestimmen größtenteils unsere ewige Zukunft. In Aussagen wie “Menschen sind, damit sie Freude haben können” (2. Nephi 2:25) kommt zum Ausdruck, daß dieses Leben als historisches Geschehen Zweck hat und positiv ist.

3. Die Entscheidungsfreiheit des Menschen ist unumgänglich nötig. Um sie aufrechtzuerhalten, “überschreitet Gott in seiner allumfassenden Liebe nicht die Grenzen der Geschichte”, sondern nimmt an ihr teil, “indem er die Menschen inspiriert und mit ihnen in ihrer Bemühung, die Welt zu verbessern, zusammenarbeitet.” (Boyd, S. 450, 453.) Gott “leitet und beeinflußt” die Geschichte also, aber er achtet das “Wesen der Entscheidungsfreiheit” seiner Kinder, der er “teils aus seinem Wesen heraus und teils freiwillig” verpflichtet ist. (Poll, S. 33, 35.)

4. Die Geschichte ist Teil der ewigen Wahrheit. “Wahrheit ist die Kenntnis von Dingen wie sie sind, wie sie waren und wie sie sein werden.” (LuB 93:24; vgl. auch LuB 88:79.) Schriftliche Aufzeichnungen (zu denen auch Berichte aus den heiligen Schriften zählen), umfassen nur einen kleinen Teil der ewigen Wirklichkeit und sind selbst unter besten Bedingungen unvollständig und unvollkommen.

Das Geschichtsverständnis der Heiligen der Letzten Tage gleicht insofern dem des Juden- und Christentums, als die Heiligen der Letzten Tage an einen Gott glauben, der Geschichte “macht”. Die Heiligen der Letzten Tage betrachten die Geschichte der Menschheit als “Heilsgeschichte”, also als die Erfüllung der Absichten Gottes zur Errettung der Menschheit. Diese heilsgeschichtliche Auffassung hat die westliche Zivilisation bis ins achtzehnte Jahrhundert hinein beeinflußt. Die Heiligen der Letzten Tage glauben auch an die von Augustinus in seiner Civitas Dei beschriebenen Linearität des Geschichtsverlaufs, obwohl ihrer Lehre nach diese Erde in ihrem verherrlichten und ewigen Zustand (und keine andere Dimension) der schließliche Ort der himmlischen Gemeinschaft sein wird.

Die Religion der Heiligen der Letzten Tage ist mit historischen Ereignissen untrennbar verbunden. Mormonen glauben ziemlich buchstäblich an das unmittelbare Teilhaben Gottes an der Schöpfung und an Adams und Evas “Fall”, den sie als Ausdruck menschlicher Entscheidungsfreiheit werten. Dem Fall folgte eine Reihe verschiedener Evangeliumszeiten. In jeder Evangeliumszeit wurde der Plan Gottes offenbart, der von erwählten, jedoch sündigen Menschen immer wieder abgelehnt wurde. Die wichtigsten zusammenhängenden Ereignisse der Geschichte sind die Geburt, das Wirken, der Tod und die Auferstehung Jesu Christi. Diese im wesentlichen allgemeinchristliche Philosophie erreicht ihren Höhepunkt in der Hoffnung, im Vertrauen auf und in der Vorbereitung auf das buchstäbliche zweite Kommen Christi, das das Ende dieses Geschichtsabschnitts der Welt bedeutet. Die Heiligen der Letzten Tage vertreten eine Geschichtsauffassung, in deren Mittelpunkt Jesus Christus steht. Sie schöpfen Hoffnung aus der Tatsache, daß Jesus Christus eine echte, historische Person war, die tatsächlich gelebt hat und Leid ertragen mußte. (Siehe Hebr. 4:15,16.) Den Ereignissen rund um den historischen Christus fügen die Heiligen der Letzten Tage noch andere Ereignisse hinzu. Sie glauben, daß er als auferstandenes Wesen den Völkern des Buches Mormon erschienen ist und daß Gott Vater und der auferstandene Christus im Jahr 1820 Joseph SMITH <Smith, Joseph> erschienen, um die letzte Evangeliumszeit einzuleiten, in der die Fülle des Evangeliums allen Nationen und Völkern gepredigt werden wird

Die Kirche fußt auf einer Reihe geschichtlicher Ereignisse, ohne die die Wiederherstellung sinnlos und unverständlich wäre. Joseph Smith hat viele seiner Visionen schriftlich festgehalten und die goldenen Platten des Buches Mormon aus den Händen des Engels Moroni empfangen und übersetzt. Joseph Smith und seine Amtsnachfolger empfingen noch zahlreiche andere Offenbarungen, die bestimmte Lehren offenbarten und damalige historische Ereignisse im Sinne ewiger Grundsätze auslegten. Die Tatsache, daß lebende Propheten Offenbarung von Gott erhalten, der an dem Wohlergehen der Menschheit inmitten sich ändernder historischer Gegebenheiten interessiert ist, ist Beweis dafür, daß ihm die Heiligen der Letzten Tage eine aktive Funktion in der Geschichte einräumen.

Die Heiligen der Letzten Tage glauben, daß Gott sowohl in alter als auch in neuerer Geschichte eine wichtige Rolle gespielt hat, indem er bestimmte Menschen auf dem Gebiet der Religion, Politik, Wissenschaft usw. vorherordiniert hat (wie z.B. Kyros; siehe Jes. 44:28; Jer. 1:5). Die großen Reformatoren (wie Luther, Calvin, Knox), Entdecker (z.B. Kolumbus) und die Schöpfer der amerikanischen Verfassung waren dazu vorherordiniert, der Wiederherstellung des Evangeliums den Weg zu ebnen und eine neue, freie Nation zu gründen, die, gleich dem alten Israel, nicht als besonderes Vorrecht, sondern für die Aufgabe erwählt wurde, der Menschheit zum Segen zu gereichen. (Petersen, S. 69–72; Backman, S. 724.) Präsident Ezra Taft BENSON faßte dies folgendermaßen zusammen: “Gott, unser aller Vater, verwendet die Menschen dieser Welt, besonders jedoch die guten Menschen dieser Welt, zur Erfüllung seiner Absichten.” (Ensign 2, Juli 1972, S. 59.)

Gott wirkt in den unwichtigeren Ereignissen der Geschichte vielleicht öfters mit, als dies gemeinhin angenommen wird. Elder Bruce R. McConkie hat gesagt, daß die wirkliche Geschichte der Welt “das Wirken Gottes unter den Menschen und die Rolle des Evangeliums offenbaren wird, die es beim Aufstieg und Fall der Nationen gespielt hat.” (Mormon Doctrine, 1958, S. 327.) Dennoch bleibt vieles offen. Viele wichtige Fragen über Ungerechtigkeiten und Katastrophen müssen von Gott, der sie zugelassen hat, erst noch erklärt werden. Was auf makroskopischem Gebiet häufig unerklärlich bleibt, nimmt durch sinngebende Erlebnisse einzelner Menschen jedoch oft Bedeutung an. Gott kennt und liebt alle Menschen. So wie in der Welt allgemein, schreitet Gott in kritischen Momenten auch im Leben einzelner Menschen ein. Er achtet aber immer die Entscheidungsfreiheit des einzelnen Menschen und überläßt den Großteil seiner Entscheidungen ihm selbst.

Das Wirken Gottes in der Geschichte darf aber nicht zu extrem gesehen werden. Gottes Vorherwissen macht die Prädestination nicht zwingend notwendig. Vorherordinierung bedeutet, daß Gott in seiner Weisheit und in seinem Vorherwissen gewisse Menschen dazu bestimmt hat, im Leben eine bestimmte Rolle zu spielen, wenn dies der Mensch tatsächlich auch will. Nach Ansicht der Heiligen der Letzten Tage ist die Geschichte ein Zusammenspiel von Gottes Wirken und Eingreifen (unter bestimmten Umständen), das laut Poll (S. 33) weder “zwingend noch dauerhaft” ist. Die Entscheidungsfreiheit des Menschen geht dabei nicht verloren. In diesem breiten Spektrum menschlicher Entscheidungsfreiheit spielt sich die Geschichte nun ab. Politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche, psychologische und andere Kräfte wirken auf den Menschen ein und können daher zur Erklärung menschlichen Verhaltens und Entscheidungen herangezogen werden.

Dieses Geschichtsverständnis wurde zu einem wichtigen theologischen Faktor zur Zeit der frühen Kirche, der Sendung Joseph Smiths und seiner Vision von der weltweiten Mission der Kirche sowie dem erwarteten zweiten Kommen Christi. Dies könnte auch die Sorgfältigkeit erklären, mit der die Kirche ihre Aufzeichnungen führte. (Siehe GESCHICHTSSCHREIBER DER KIRCHE.) Alle Mitglieder der Kirche sind dazu aufgefordert, Tagebuch zu führen, eine Familiengeschichte zu schreiben und dies zu einem wertvollen Besitz der erweiterten Familie zu machen.

In vergangenen Jahren hat die Anerkennung der Kirche als tatsächliche Religion seitens vieler Historiker und Soziologen zu einem vermehrten Interesse an der Aufzeichnung und Interpretation der Kirchengeschichte geführt. Geschichte, insbesondere Kirchengeschichte zu schreiben, war aber noch nie leicht. Die Quellen sind meistens lückenhaft und widersprüchlich. Geistige Erlebnisse werden sehr oft für sich behalten und sind meistens nur geistig nachvollziehbar. Persönliche Erinnerungen und traditionelle Überlieferungen sind oft trügerisch, und Zweck und Methodik der historischen Forschung ändern sich von einem Jahrzehnt zum anderen.

Die Geschichtsschreiber der Kirche haben, gleich ihren jüdischen und frühchristlichen Vorgängern, in ihren Berichten Betonung auf das Wirken Gottes in der Geschichte der Kirche und der Welt gelegt. Ihre Geschichtsberichte sind beschreibend, stellen die historischen Figuren in einem positiven Licht dar und sollen inspirierend und glaubensstärkend wirken. William Mulder: “Nirgendwo in den Geschichtsberichten der Mormonen kann man der Teleologie, der Didaktik und der Eschatologie entgehen.” (S. 17.)

Diese Ansicht wird von anderen Historikern, wie z.B. Fawn Brodie zurückgewiesen, die den Anspruch der Kirche auf alleinige Wahrheit rundweg ablehnte und Joseph Smith und die Wiederherstellung im Sinne der modernen naturalistischen, historistischen und psychoanalytischen Methoden zu erklären suchte. Ihr Ziel bestand in der Lieferung kausaler Erklärungen durch Hervorheben des Menschlichen, wobei das Göttliche vollkommen ausgeschlossen wird.

Die neuere HLT-Geschichtsschreibung hat ein sehr breites Spektrum. Wie Henry Bawden erklärt, gibt es dabei viele mögliche Perspektiven und Absichten. Andererseits gibt es aber auch die “gläubige Geschichtsschreibung” (Richard L. Bushman), bei der der Historiker die Pflicht hat, in seinen Berichten das Wirken Gottes miteinzubeziehen und so zu leben, daß er zu unterscheiden vermag, wann Gott wo wirkt und wann nicht. Den anderen mag die streng empirische, historistische und sozialwissenschaftliche Methodik genügen. Die meisten Historiker, die sich mit dem Mormonismus befassen, seien sie nun Mitglieder der Kirche oder nicht, geben zu, daß sowohl die Umstände einer bestimmten Zeit als auch religiöse Behauptungen glaubhaft sein können - auch wenn man sich an traditionelle wissenschaftliche Modelle hält und historische Fragen anspricht, die durch die Probleme der Zeit aufgeworfen werden. (Siehe auch BIOGRAPHIE UND AUTOBIOGRAPHIE.)

BIBLIOGRAPHIE

Backman, Milton V. jun. “Preliminaries to the Restoration.” Improvement Era 61, Okt.–Nov. 1958, S. 722–724, 769–771, 846–854.

Boyd, George T. “God in History”, Improvement Era 64, Juni 1961, S. 380, 381, 449, 457.

Bushman, Richard L. “Faithful History”, Dialogue 4, Winter 1969, S. 11–25.

Mulder, William. “Mormon Angles of Historical Vision: Some Maverick Reflections”. Journal of Mormon History 3, 1976, S. 13–22.

Petersen, Mark E. The Great Prologue. Salt Lake City, 1975.

Poll, Richard D. History and Faith. Salt Lake City, 1989.

DOUGLAS F. TOBLER

S. GEORGE ELLSWORTH